Daniel Dagan 27. Juli 2009
דניאל דגן – In Chemnitz war ich schon einmal zu DDR Zeit. Mich hat es interessiert, wie diese schöne, lebendige Stadt mit ihrer jüdischen Geschichte umgeht. Denn daran hatte ich einen kleinen, persönlichen Anteil.



Schocken Bau (Foto: Stadt Chemnitz)
Wir schreiben das Jahr 1987. Durch einen Kontakt mit Herrn Klaus Gysi (Vater von Gregor Gysi), Staatssekretär für Kirchenfragen der DDR, komme ich auf die Idee, für meinen damaligen Chefredakteur der israelischen Zeitung Ha’aretz einen Besuch in Sachsen zu organisieren. Es ist ein spannender, emotionsgeladener Moment.
Die DDR fühlt sich als Erzfeind Israels – aus welchen Gründen auch immer. Dennoch zeigt sich Herr Gysi sehr großzügig und zuvorkommend. Selbstverständlich wäre er bereit, für Herrn Schocken einen Besuch zu ermöglichen. Es wird alles getan, um dem Gast aus Tel Aviv den Aufenthalt so angenhem wie möglich zu gestalten. Hotelreservierung wurde prompt betätigt. Herr Schocken wird ein sogenanntes Fürstenzimmer bekommen. Natürlich mit dem schönsten Blick, den die Stadt zu bieten hat.
Ich mache einen Erkundungsbesuch. Auf der Straße treffe ich eine ältere Dame und frage sie nach dem Weg. Sie zeigt sich etwas ungeduldig, sagt mir kurzerhand, dass sie es eilige hätte und fügt hinzu „Ich muss noch ganz schnell zu Schocken“. Doch nun geht das Gespräch erst los…
„Zu Schocken“, sage ich, „was ist das denn? Schocken ist ja mein Chefredakteur. Ich vertrete ihn hier, sozusagen“.
Die Dame stellt ihre Einkaufstaschen ab. Sie hat es nicht mehr eilig. Sie will von mir alles über Schocken erfahren. Und dazu noch über Israel und die dort lebenden Menschen. Nach zehn Minuten oder so küsst sie mich spontan, gleich auf beide Wangen, und sagt: „Alles Gute für Sie und für Ihr Land. Und grüßen Sie herzlich Herrn Schocken. Wir lieben Israel und stehen auf Ihrer Seite“.
Andere spannende Begegnungen sollten in den nächten Stunden folgen. Während meines kurzen Aufenthaltes wurde mir klar, wie lebendig die jüdische Vergangenheit noch ist. Auch wenn sich damals Chemnitz Karl-Marx-Stadt nannte.
„Ich gehe zu Schocken“ hiess es noch bis vor kurzem und bedeutete: Ich gehe beim Centrum-Warenhaus einkaufen. Die DDR Handelskette war just in dem Gebäude untergebracht, das vorher die Zentrale des Warenhauses Schocken beherbergte. Die Familie Schocken, die eigentlich aus Zwickau kam, revolutionierte damals den Einzelhandel in Deutschland. Die Menschen in der Stadt respektierten die jüdische Vergangenheit, in dem sie ganz spontan den alten Namen verwendeten.
Mit der Machtergreifung der Nazis fand die Handelskette Schocken ihr trauriges, vorläufiges Ende. Eine tragische deutsch-jüdische Geschichte, die nun ihre schöne Ergänzung findet. Darüber erfährt man in der folgenden Mitteilung der Stadt Chemnitz.



Opernhaus, Wasserschloss, Neues Rathaus (Fotos: Stadt Chemnitz)
Hier Auszüge aus der Mitteilung:
Der berühmte halbrunde Kaufhaus-Bau in der Brückenstraße in Chemnitz – ein Werk des bedeutenden Architekten Erich Mendelsohn, entworfen 1927 und drei Jahre später, 1930 eröffnet – wird das Haus der Archäologie in Chemnitz. Der markante Bau erlebt somit eine Wiedergeburt…
Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig: „Dieses Haus wird ganz im Sinne von Salman Schocken (Vater von Gerschom Schocken) und Erich Mendelsohn einen modernen Geist besitzen, ein Haus des interdisziplinären Wissens und der historischen Reflexion…
Dass es gelungen ist, dieses Museum in einem so einzigartigen Gebäude der architektonischen Moderne wie dem Mendelsohn-Bau unterzubringen, ist ein besonderer Glücksfall… “
Der Bau wurde 15. Mai 1930 als eine Filiale des deutschlandweit agierenden Schocken-Konzerns eingeweiht und später in DDR-Zeiten als HO-Warenhaus und Centrum-Warenhaus genutzt. Nun wird im „Schocken“ saniert und renoviert .
Neulich war ich, Daniel Dagan, wieder in Chemnitz, und zwar für die jüdischen Kulturtage. Meinen Vortrag habe ich mit einem Hinweis auf die Story begonnen, die oben erscheint. Das fand viel Zuspruch und erleichterte gewiss das Verständnis für die aktuelle Situation in und um Israel.
Lesen Sie bitte auch diese Beiträge:
Judische Kulturtage Chemnitz
Chemnitz – Stadt der Moderne
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